
Leihspieler sind immer ein zweischneidiges Schwert: Leiht ein Verein sich Spieler, muss er sie erst an das Trainingsniveau anpassen und verleiht man Spieler, können diese sich verletzten oder einen Fitness-Rückstand erleiden, bevor man sie wiederbekommt.
Dazu kommt noch, dass eine typische Fußballer-Karriere etwa von 20 bis 40 dauert. Einige wenige Jahre auf Leihbasis zu spielen hat da natürlich eine hohe Bedeutung. Auch ist es wichtig, dem Spieler das Ausleihen so schmackhaft zu machen, dass er sich von beiden Vereinen wertgeschätzt fühlt.
Zudem hat ein Verein in den meisten Fällen eine Ablösesumme im ein- oder zweistelligen Millionenbereich hingeblättert, für einen Spieler, den man dann verleiht. Es ist also logischer, sich Spieler zu leihen, als diese zu verleihen, auch, weil der verleihende Verein das Gehalt des Spielers zahlt.
Es gibt jedoch Vorteile auch für verleihende Teams, und ein Club hat das Verleihgeschäft auf die Spitze getrieben und perfektioniert: Der FC Chelsea London, der den Begriff „Loan Army“ prägte.
Ein Club kann durch das Verleihen eines Spielers elegant seinen Kader ausdünnen und einem Profi Spielpraxis ermöglichen, der im eigenen Verein meistens auf der Bank Platz nehmen muss und dessen Gehalt man sowieso zahlen muss. So kann der Verein wenigstens eine Verleihgebühr erhalten und den Spieler für eine mögliche Rückkehr auf einem hohen Fitness-Level halten.
Durch das neueste FIFA-Reglement (hier mehr zu den Spielertransfer Richtlinien) tut sich zudem eine neue Möglichkeit auf: Man bildet einen Jugendspieler so weit aus, dass er es als Profi schaffen könnte, aber noch kein hohes Gehalt bezieht.
Nun verpflichtet man das Eigengewächs für einen geringen Preis, verleiht ihn direkt, macht vielleicht noch Gewinn an der Leihgebühr und wiederholt das Ganze, bis sich der Marktwert deutlich gesteigert hat.
Daraufhin kann man ihn a) direkt verkaufen und einen großen Gewinn einfahren, b) ihn nun für den eigenen Kader hernehmen oder c) ihn weiterverleihen mit Kaufoption und ihn nach der Leihzeit verkaufen, ohne sein Gehalt erhöhen zu müssen. Hierzu eignen sich selbst ausgebildete Spieler besser als solche unter 21, weil die Altersbarriere wegfällt.
So dribbelt beispielsweise der FC Chelsea das System aus und kam in der Saison 2024/25 auf insgesamt 16 verliehene Spieler, von denen die Hälfte 21 oder jünger sind. Der Rest sind ein paar selbst ausgebildete Spieler und reguläre Spieler, bei denen die FIFA-Statuten greifen.
Die größte Vorteil eines ausgeliehenen Spielers liegen auf der Hand: Man zahlt statt einem monatlichen Gehalt nur eine einmalige Leihgebühr. Zudem kann nun auch ein Zweitligist einen bei einem Top-Club ausgebildeten Spieler nutzen, der auf einem höheren Fitness-Level ist als der durchschnittliche Zweitliga-Spieler.
Man kann bei einer Verletzung oder Leistungsabfall die Leihfrist einfach ablaufen lassen und hat keinen weiteren Organisationsaufwand.
Im Jahr 2022 verschärfte die FIFA ihre Statuten für das Leihen und Verleihen von Spielern.
Die wichtigsten zusammengefasst:
Die neuen Fußball Regeln 2026 sollen einerseits ein mögliches Horten von Spielern durch Clubs verhindern und andererseits die Entwicklung junger Spieler fördern. Somit sollen ein größeres sportliches Gleichgewicht erzeugt werden.
Als Chelseas damaliger technischer Direktor Michael Emenalo 2012 die Idee eines weitreichenden Verleih-Systems hatte, wurde der Londoner Premier League-Club für die Idee erst einmal belächelt. Man wollte junge Spieler günstig einkaufen, sie bei anderen Clubs reifen lassen und sie am Ende entweder mit einem satten Plus verkaufen oder sie für die erste Mannschaft verpflichten.
Als erster vereinsinterner Spielerscout wurde der damalige Co-Trainer Eddie Newton zu Rate gezogen. Er tourte durch ganz Europa und beobachtete vielversprechende Jungspieler. Relativ bald wuchs Newton die Arbeit jedoch über den Kopf, weswegen ihm das Team von der Stamford Bridge Tore Andre Flo, Paulo Ferreira und Christophe Lollichon zur Seite stellte.
Kritik an dem System der Loan Army ließ nicht lange auf sich warten und einige böse Zungen bezeichneten die Loan Army gar als „Menschenhandel“. Während der 13 Jahre, die das System inzwischen auf dem Buckel hat, gab es zudem den einen oder anderen Verkauf, der sich im Nachhinein als unklug herausstellte.
So wurden die Top-Stars Kevin DeBruyne, Romelu Lukaku und Mohammed Salah verkauft und legten danach eine große Karriere hin.
„Diese Spieler waren mehr als gut genug, aber Jose Mourinho (der damalige Trainer) konnte nicht mit ihnen arbeiten. Es war ein persönliches Ding“, erinnert sich Newton im Exklusiv-Interview mit dem Online-Dienst goal.com. Lukaku wurde jedoch eines Tages zurück an die Stamford Bridge geholt.
Voll aufgegangen ist das Prinzip der Loan Army jedoch bei Trevoh Chalabah, Reece James oder Mason Mount, die alle Eigengewächse waren und nach mehreren Leihstationen inzwischen in Chelseas erster Mannschaft etabliert waren.
Die Erlöse aus den Verkäufen von Kurt Zuoma, Fikayo Tomori und Tammy Abraham ermöglichten es Chelsea 2021, Lukaku für 115 Millionen Euro zurück nach London zu holen. Laut Newtons Aussage seien inzwischen Jungspieler, Eltern und Berater vollauf mit dem System zufrieden, auch weil der Club sehr viel für die Spieler und deren Karrieren getan habe.
Interessanterweise ist Chelsea europaweit in der Statistik der verliehenen Spieler weder auf Platz eins, in den Top Ten und noch nichtmal in den Top 25. Erst auf Platz 27 stehen die Londoner mit insgesamt 16 verliehenen Spielern.
Das zeigt auch auf, wie viele Vereine Chelseas System inzwischen kopiert haben. Zudem ist darauf hinzuweisen, dass nicht jeder Nationalverband, der FIFA-Mitglied ist, die Regeln schon komplett umgesetzt hat.
In der Statistik der meisten verliehenen Spieler steht der AC Florenz mit 28 verliehenen Spielern ganz vorne. Generell wimmelt es in dieser Statistik von italienischen Clubs. Das hat auch damit zu tun, dass es in Italien – anders als in den meisten anderen Staaten – keine B-Mannschaften gibt.
Stattdessen ist es dort gang und gäbe, dass ausgebildete Spieler aus den Jugendakademien vor ihrem 18. Geburtstag einen Drei-Jahresvertrag bei ihrem Serie-A-Club unterschreiben und dann in einer eigenen Liga – der sogenannten Primavera – spielen.
Diese ist mit der deutschen U19 zu vergleichen, jedoch dürfen pro Team bis zu vier Spieler mitspielen, die älter als 19 sind. Die Teams können dort auch weder auf- noch absteigen. Die Jungspieler fahren erst einmal mit den Profis ins Sommer- oder Wintertrainigslager, bis sie einen Leihverein gefunden haben.
Diejenigen, die keinen Verein finden, trainieren oft in Eigenregie, wenn es vom besitzenden Team so gewünscht ist. Das italienische System nutzt die Ausnahmen für jugendliche Spieler und treibt deren Verleih auf die Spitze.
Bei dieser Frage ist es keine Überraschung, dass der Klassenprimus Bayern München mit 11 Spielern ganz vorne steht. Auf den Plätzen zwei und drei folgen der VfL Wolfsburg und der FC Augsburg mit neun bzw. zehn Spielern.
Die meisten ausgeliehenen Spieler im aktiven Kader hat der FC St. Pauli mit fünf vor dem FC Augsburg und dem VfL Bochum mit jeweils vier. Insgesamt hängt der deutsche Profi-Fußball also der englischen und vor allen der italienischen ersten Liga weit hinterher.
Das ausufernde Verleihen von talentierten Jungspielern hat längst nicht nur bei den Blues und in England, sondern auch in anderen europäischen und internationalen Ligen einen Stammplatz im Wirtschaftsgebaren der Vereine. Vor allem die italienische Serie A strotzt nur so von verliehenen Spielern.
Die Meinungen zu dem System gehen jedoch auseinander. Viele Experten fürchten, dass die Bindung von jungen Spielern zu ihren Heimatvereinen so nicht entstehen könne oder zumindest leide. Zudem wird bemängelt, dass große, reiche Vereine wie der FC Bayern, Real Madrid oder Juventus Turin bessere Möglichkeiten hätten, in diesem Spiel mitzumischen, als kleinere Clubs.
Somit würden die großen Player im Fußball immer reicher und die ärmeren Teams könnten kaum mithalten. Befürworter der Spielerleihe halten dagegen, dass die kleineren Vereine ja auch durch ausgeliehene und von Top-Teams ausgebildete Jungspieler profitieren würden. Zudem bedeute das jetzige Leih-System eine verbesserte Ausbildung von Talenten unter 18, da Vereine davon langfristig und auch monetär profitierten.
Insgesamt ist festzuhalten, dass Mannschaften europa- und weltweit die rigiden Regeln bestmöglich ausnutzen. Ob die Ausnahmen für heranwachsende Spieler und Eigengewächse Jungspieler wirklich schützen, ist mehr als fraglich.